
Kommentar von Redakteur Simon Schneider
Was bleibt, wenn sich der Staub legt? Bei den aktuellen Vorfällen rund um Stefan Kuntz und den Hamburger SV ist die Antwort ernüchternd eindeutig: Es gibt keinen Gewinner. Nicht einen. Diese Affäre ist ein Paradebeispiel dafür, wie schlechtes Krisenmanagement, mangelnde Transparenz und das Spiel mit Halbwahrheiten am Ende allen Beteiligten schaden – nachhaltig.
Da ist zunächst Stefan Kuntz. Über Jahrzehnte galt er als eine der integeren Figuren des deutschen Fußballs, als jemand, der für Werte, Seriosität und klare Haltung stand. Spieler, Europameister, DFB-Funktionär, Identifikationsfigur. Genau deshalb wiegt der Imageschaden jetzt so schwer.
Kuntz wird dauerhaft beschädigt bleiben
Unabhängig davon, wie einzelne Vorwürfe juristisch oder moralisch am Ende zu bewerten sind: Allein die Tatsache, dass sein Name nun in diesem Kontext diskutiert wird, wird bleiben. Reputation ist im Profifußball ein fragiles Gut.
Sie wird über Jahre aufgebaut – und kann in wenigen Tagen Risse bekommen, die sich nie mehr vollständig schließen lassen. Für Kuntz bedeutet das: Selbst wenn manches relativiert oder anders eingeordnet wird, ist der Nimbus des Unantastbaren dahin.
Der HSV gibt ein miserables Bild ab
Doch mindestens genauso schlecht sieht der Hamburger SV aus. Der Klub, ohnehin seit Jahren ein Sinnbild für strukturelle Probleme, unglückliche Entscheidungen und verpasste Chancen, hat sich selbst ein weiteres Kapitel der Peinlichkeit geschrieben. Die zunächst kommunizierte Trennung aus „privaten Gründen“ war nicht nur unglücklich formuliert, sie war – so wirkt es heute – bewusst irreführend.
In einer Zeit, in der Öffentlichkeit und Fans sensibler denn je auf Transparenz reagieren, ist genau das ein schwerer Fehler. Wer glaubt, mit beschwichtigenden Floskeln Zeit gewinnen zu können, verliert am Ende Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit ist für einen Klub, der um Vertrauen kämpft, essenziell.
Der HSV steht nun da als Verein, der entweder nicht den Mut hatte, frühzeitig ehrlich zu kommunizieren, oder der glaubte, die Öffentlichkeit für dumm verkaufen zu können. Beides ist fatal. Denn am Ende kam doch ans Licht, dass die Trennung komplexer ist als zunächst dargestellt. Das Ergebnis: ein Verein, der blamiert ist, dessen Kommunikation erneut hinterfragt wird und der einmal mehr den Eindruck erweckt, aus früheren Fehlern nichts gelernt zu haben.
Grelles Licht der Öffentlichkeit statt Privatsphäre
Am schwersten wiegt allerdings der Schaden für jene, die eigentlich gar nicht im Rampenlicht stehen wollten: die betroffenen Frauen. Nach allem, was bekannt ist, bestand ihr ausdrücklicher Wunsch darin, die Angelegenheit aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Dieser Wunsch wurde nicht respektiert.
Stattdessen wurden sie – zwangsläufig – Teil einer medialen Debatte, die sie nie gesucht haben. In einer Branche, die ohnehin oft Probleme mit Sensibilität und Verantwortungsbewusstsein zeigt, ist das ein besonders bitterer Aspekt dieser Geschichte. Für die Betroffenen ist der öffentliche Druck, das Spekulieren und das Kommentieren von außen ein zusätzlicher, unnötiger Schaden.
Ein Desaster für alle Beteiligten – schon jetzt
So bleibt am Ende das Bild eines kollektiven Versagens. Kuntz verliert Vertrauen, der HSV verliert Gesicht, und unbeteiligte Personen zahlen den Preis für eine Kommunikation, die zu spät, zu unklar und zu wenig ehrlich war. Das eigentliche Drama liegt dabei nicht in den Schlagzeilen selbst, sondern in der Erkenntnis, dass es offenbar niemand geschafft hat, rechtzeitig das Richtige zu tun.
Diese Affäre ist ein Desaster für alle Beteiligten. Sie zeigt, wie schnell moralische Autorität, institutionelle Glaubwürdigkeit und persönlicher Schutz verspielt werden können. Und sie sollte eine Mahnung sein – nicht nur für den HSV oder Stefan Kuntz, sondern für den gesamten Profifußball: Transparenz ist unbequem, Ehrlichkeit manchmal schmerzhaft.
Aber der Versuch, Probleme kleinzureden oder zu verschleiern, endet fast immer größer, lauter und zerstörerischer, als man es sich je vorgestellt hat.