
Ein Kommentar von Simon Schneider
Manchmal braucht es im Fußball keinen komplizierten Matchplan, keine taktische Revolution und keine neue Grundordnung. Manchmal braucht es einfach einen Spieler, der den Moment erkennt – und ihn gnadenlos nutzt. Einen, der mit einer Aktion ein Spiel kippen kann, der die Statik einer Partie sprengt und das Publikum elektrisiert. Genau so ein Spieler ist Lennart Karl. Und genau deshalb muss Julian Nagelsmann ihn für die Weltmeisterschaft 2026 nominieren.
Deutschland hat in den vergangenen Jahren vieles ausprobiert. Neue Systeme, neue Rollenprofile, neue Hoffnungsträger. Doch eines ist immer wieder schmerzlich deutlich geworden: Es fehlt an echten Unterschiedsspielern.
An Akteuren, bei denen man spürt, dass jederzeit etwas Außergewöhnliches passieren kann. Lennart Karl ist einer von genau dieser seltenen Sorte. Einer, der nicht erst warm gespielt werden muss, sondern sofort da ist. Einer, der auch nach einer Einwechslung in der 70. Minute noch das Spiel entscheidet – mit einer einzigen Szene.
Lennart Karl ist bereits auf höchstem Niveau
Dass Karl trotz seines jungen Alters bereits auf Weltklasse-Niveau agiert, ist keine steile These, sondern eine nüchterne Feststellung. Wer ihm beim FC Bayern zusieht, erkennt sofort, dass hier kein Talent mehr lernt, sondern ein Spieler liefert. Seine Technik ist überragend, seine Ballbehandlung außergewöhnlich sauber, seine Bewegungen wirken leicht, fast selbstverständlich.
Vor allem aber besitzt er etwas, das man nicht trainieren kann: einen unfassbar guten Abschluss. Karl braucht keinen zweiten Versuch, keinen perfekten Ablauf. Er schießt – und es wird gefährlich.
So ein Typ fehlt im deutschen Kader
Von solchen Spielern hat Deutschland nicht viele. Vielleicht ist das sogar der entscheidende Punkt in dieser Debatte. In einem Land, das traditionell für Ordnung, Disziplin und Kollektivstärke steht, sind Individualisten immer rar gewesen. Umso wertvoller sind sie heute.
Denn gerade bei einem Turnier wie der Weltmeisterschaft entscheiden nicht nur Automatismen, sondern Geistesblitze. Ein Dribbling, ein Distanzschuss, ein mutiger Laufweg. Lennart Karl bringt all das mit.
Selbstvertrauen und Mut
Hinzu kommt seine Mentalität. Karl spielt frech, unbekümmert und mit einem Selbstbewusstsein, das manch erfahrenem Profi guttun würde. Er versteckt sich nicht, er fordert den Ball, er sucht die Entscheidung.
Diese Haltung ist keine Arroganz, sondern Ausdruck eines gesunden Siegerinstinkts. Und sie ist ansteckend. Gerade in engen WM-Spielen, wenn Nervosität und Vorsicht das Geschehen dominieren, braucht es Spieler, die keine Angst vor dem Fehler haben.
Natürlich wird es Stimmen geben, die vor dem Risiko warnen. Zu jung, zu unerfahren, zu wenig internationale Turnierpraxis. Doch diese Argumente greifen zu kurz. Erstens ist die WM 2026 keine Nachwuchsmaßnahme, sondern ein Wettbewerb, den man gewinnen will.
Nagelsmann darf auf Karl nicht verzichten
Und zweitens spricht niemand davon, Lennart Karl zum Fixstarter zu machen. Es geht um eine Nominierung. Um einen Kaderplatz. Um die Option, reagieren zu können.
Genau hier liegt die Verantwortung von Julian Nagelsmann. Der Bundestrainer wird im Sommer 2026 genügend Plätze zur Verfügung haben. Niemand verlangt, dass er auf bewährte Kräfte verzichtet. Aber es wäre fahrlässig, auf ein solches Profil komplett zu verzichten.
Karl muss nicht jede Minute spielen – aber er muss dabei sein. Als Joker. Als Waffe. Als Plan B, wenn Struktur allein nicht mehr reicht.
Lennart Karl als Geheimwaffe für die WM
Große Turniere werden nicht nur von den besten Mannschaften entschieden, sondern von den besten Momenten. Von Spielern, die sich trauen, aus dem Schema auszubrechen. Lennart Karl ist prädestiniert für genau diese Rolle. Ihn nicht mitzunehmen, wäre kein Zeichen von Vorsicht – sondern eines von Mutlosigkeit.
Wenn Julian Nagelsmann den Anspruch hat, bei der WM 2026 nicht nur mitzuspielen, sondern Geschichte zu schreiben, dann führt an Lennart Karl kein Weg vorbei. Manchmal ist die mutigste Entscheidung die naheliegendste. Und manchmal erkennt man einen WM-Spieler daran, dass er das Spiel anders denkt als alle anderen.