
Eine Meinung von Sportwetten24-Chefredakteur Simon Schneider
Die Australian Open 2026 liefern einmal mehr ein bitteres, aber leider vertrautes Bild: Nach wenigen Tagen ist das deutsche Damen-Tennis praktisch nicht mehr existent. Nur eine einzige Spielerin schaffte es in Runde zwei – Laura Siegemund, 37 Jahre alt, bald wieder Nummer eins im DTB-Ranking. Und selbst sie schied dort sang- und klanglos aus. Das ist nicht bloß ein schlechtes Turnier. Das ist ein Symptom.
Ja, Siegemunds Niederlage gegen die Nummer 168 der Welt klingt brutal. Ja, sie war enttäuschend. Aber sie ist nicht das eigentliche Problem. Eine 37-Jährige darf verlieren, erst recht nach einem kräftezehrenden Comeback.
Das eigentliche Drama ist, dass eine 37-Jährige überhaupt noch der letzte Hoffnungsschimmer ist. Dass sie – wie schon beim überraschenden Wimbledon-Viertelfinale – die Rolle übernehmen muss, die eigentlich einer neuen Generation gehören sollte.
Eva Lys wird keine Weltklasse-Spielerin
Seit dem Ende der Generation Kerber, Petkovic und Görges herrscht gähnende Leere. Kein Übergang, kein sanfter Generationenwechsel, fast kein neues Gesicht, das Hoffnung macht. Stattdessen Stillstand. Oder schlimmer: Rückschritt. Das deutsche Frauen-Tennis ist aktuell kein Entwicklungsprojekt, sondern ein Überlebenskampf.
Eva Lys ist dabei der gern zitierte Lichtblick. Und ja, sie hat sich verbessert, sie hat einen soliden Durchbruch hinter sich. Aber wer ehrlich ist, weiß: Eine echte Weltklassespielerin wird sie nicht mehr. Dafür fehlt ihr nicht nur die Konstanz, sondern vor allem das spielerische und mentale Extra. Gegen Spielerinnen wie Sorana Cirstea wird sichtbar, wo die Grenze liegt – im Kopf, im Mut, im Selbstverständnis. Ella Seidel wiederum sammelt wertvolles Lehrgeld, doch auch bei ihr bleibt die Frage: Wohin soll das führen?
Warum versagt der DTB bei der Förderung?
Und genau hier beginnt das strukturelle Versagen. Der Deutsche Tennis Bund ist riesig, wohlhabend, bestens organisiert – zumindest auf dem Papier. Doch Größe und Geld garantieren keine Spitzenathleten.
Während andere Nationen mutig individualisieren, früh international denken und Spielerinnen gezielt auf aggressive, moderne Spielstile trimmen, wirkt Deutschlands Ausbildung oft brav, korrekt und austauschbar. Viel Sicherheit, wenig Risiko. Viel Ordnung, wenig Siegermentalität.
Deutschland hinkt international hinterher
Eine Angelique Kerber lässt sich nicht planen – das stimmt. Aber man kann Strukturen schaffen, die Ausnahmetalente zumindest begünstigen. Genau das scheint derzeit zu fehlen. In Melbourne drängte sich einmal mehr der Eindruck auf, dass Deutschland weder spielerisch noch mental in der Lage ist, Spielerinnen konsequent an die Weltspitze heranzuführen.
Was andere Länder besser machen? Sie akzeptieren, dass Top-Tennis kein Verwaltungsakt ist. Dass es Reibung braucht, Ecken, Kanten, Ego. In Deutschland hingegen wird oft verwaltet statt gefördert, abgesichert statt gefordert.
Das Ergebnis sehen wir Jahr für Jahr bei Grand Slams: frühe Niederlagen, leere Hoffnungen, alte Gesichter. Und die unbequeme Erkenntnis, dass es vermutlich noch lange so weitergehen wird. Denn irgendwann wird auch Laura Siegemund nicht mehr da sein. Und dann? Dann bleibt vorerst: nichts.