
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wirft bereits lange Schatten voraus – sportlich, organisatorisch, aber vor allem politisch. Oke Göttlich, Vizepräsident des DFB und Präsident des FC St. Pauli, hat nun eine Debatte angestoßen, die es in sich hat: Sollte der Fußball über einen Boykott des Turniers nachdenken?
Angesichts der weltpolitischen Lage und mit Blick auf die Rolle der USA als Gastgeber stellt Göttlich offen die Frage, ob der Sport weiter so tun könne, als stünde er außerhalb politischer Verantwortung.
Sinngemäß erklärte er, für ihn sei der Moment gekommen, nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern ganz konkret über Konsequenzen zu sprechen. Abwarten sei keine Option mehr.
Werte vor Wettbewerb?
Göttlich zog dabei Parallelen zu den Olympia-Boykotts der 1980er-Jahre. Damals hätten Staaten aus politischen Gründen auf eine Teilnahme verzichtet. Aus seiner Sicht sei die heutige Bedrohungslage mindestens ebenso ernst, wenn nicht gravierender. Deshalb müsse sich auch der Fußball ehrlich machen und klären, wofür er stehen wolle.
Für den 50-Jährigen ist das Thema keine reine Turnier- oder Terminfrage, sondern eine Grundsatzentscheidung. Es gehe um Haltung, um ethische Leitplanken und darum, ob der organisierte Sport bereit sei, Grenzen zu ziehen. Der Fußball dürfe sich nicht darauf zurückziehen, nur für Tore und Titel zuständig zu sein.
„Spielerkarrieren sind nicht das Maß aller Dinge“
Ein häufiges Gegenargument gegen Boykotte lautet, dass vor allem Athleten die Leidtragenden seien. Göttlich widerspricht deutlich. Sinngemäß machte er klar, dass die Karriere eines Profifußballers nicht über dem Leben und der Sicherheit von Menschen stehen dürfe, die in Krisenregionen unter politischen Entscheidungen leiden.
Brisant: Mit Jackson Irvine, Connor Metcalfe und Joel Chima Fujita stehen bei St. Pauli gleich mehrere Nationalspieler unter Vertrag, die bei der WM dabei sein könnten. Trotzdem bleibt Göttlich bei seiner Linie – moralische Fragen dürften nicht an der Kabinentür enden.
Frust über die „Entpolitisierung“ des Fußballs
Besonders scharf fällt seine Kritik am Kurs der Verbände nach der umstrittenen WM in Katar aus. Dort sei vielen alles „zu politisch“ gewesen – jetzt habe man fast den gegenteiligen Reflex und erkläre sich für demonstrativ unpolitisch. Diese Entwicklung bereite ihm große Sorgen. Organisationen und Gesellschaften würden verlernen, klare rote Linien zu definieren und für Werte einzustehen.
In diesem Zusammenhang stellte er zugespitzte Fragen: Ab wann sei eine Grenze überschritten? Wenn nur gedroht werde? Wenn offen angegriffen werde? Oder erst, wenn Menschen sterben? Er wünsche sich klare Antworten – von politischen Entscheidungsträgern ebenso wie von Spitzenfunktionären im Fußball, etwa DFB-Präsident Bernd Neuendorf und FIFA-Chef Gianni Infantino.
Kimmich will sich raushalten
Während Göttlich die Debatte offensiv sucht, ist aus der Nationalmannschaft Zurückhaltung zu hören. Kapitän Joshua Kimmich signalisierte nach einem Champions-League-Spiel, dass er sich an politischen Grundsatzdiskussionen künftig nicht mehr beteiligen wolle. Die Erfahrungen rund um die WM 2022 hätten gezeigt, dass öffentliche Stellungnahmen von Spielern oft wenig bewirken und eher zusätzliche Unruhe stiften.
Zwar hätten Profis eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung, doch es gebe andere Akteure, die näher an politischen Entscheidungsprozessen seien. Entsprechend sieht Kimmich Funktionäre und Verbände stärker in der Pflicht.
Fest steht: Eine offizielle Linie von DFB oder FIFA zu einem möglichen Boykott existiert nicht. Doch Göttlichs Vorstoß hat die alte Frage neu entfacht, wie politisch der Fußball sein darf – oder vielleicht sogar sein muss.