
Die Debatte um die mögliche Rückkehr Russlands auf die große Fußballbühne hat neue Dynamik bekommen. FIFA‑Präsident Gianni Infantino hat sich überraschend klar dafür ausgesprochen, den seit 2022 bestehenden Bann gegen Russland bei internationalen Wettbewerben aufzuheben oder zumindest aufzuweichen – und damit in Moskau Zustimmung, in Kiew aber scharfe Kritik ausgelöst.
Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor über vier Jahren hatten FIFA und UEFA russische Nationalteams und Klubs aus sämtlichen offiziellen Wettbewerben ausgeschlossen.
Seither durfte die russische Nationalmannschaft weder bei Weltmeisterschaften noch bei Eurowettbewerben in Erscheinung treten. Diese Sanktionen galten als sichtbares sportliches Zeichen gegen den Krieg und fanden international breite Unterstützung.
Infantino ist sehr deutlich: Russland soll zurück
Doch nun hat Infantino in einem Interview mit einem britischen Sender erklärt, der Bann habe „nichts erreicht“ und stattdessen „nur Frustration und Hass geschaffen“.
Er betonte, Fußball solle ein verbindendes Element sein und nicht als politisches Strafinstrument dienen. Insbesondere hob er hervor, dass junge russische Fußballer – Mädchen und Jungen – wieder die Chance bekommen sollten, in Europa zu spielen. Zugleich plädierte er dafür, künftig generell keine Länder mehr wegen politischer Entscheidungen vom internationalen Fußball auszuschließen.
Moskau begrüßt Infantinos Worte
In Russland ist die Reaktion auf Infantinos Vorschlag positiv. Der Kreml sprach von einer begrüßenswerten Entwicklung und forderte, dass die „Rechte unserer Fußballer und unserer Nationalelf wiederhergestellt werden“ sollten.
Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, es sei an der Zeit, darüber nachzudenken, Russland wieder in internationale Wettbewerbe einzubinden. In politischen Kreisen Moskaus wird Infantinos Haltung als Signal dafür gedeutet, dass der sportliche Ausschluss nicht ewig aufrechterhalten bleiben kann.
Die russische Fußballgemeinschaft war bereits zuvor bemüht, Wege zurück an die Wettkampfbühne zu finden – darunter Initiativen zur Teilnahme an Jugendturnieren oder Diskussionen über alternative Qualifikationswege. Doch bislang scheiterten diese meist an Widerstand aus Europa und dem anhaltenden politischen Druck.
Wut in Kiew: „Moralisch degeneriert“
In der Ukraine rief Infantinos Äußerungen hingegen scharfe Ablehnung hervor. Sportminister Matvii Bidnyi nannte die Vorschläge „verantwortungslos“ und „infantil“, da sie den Fußball von der Realität des Krieges loslösten, in dem zahlreiche ukrainische Athleten und Trainer ihr Leben verloren hätten.
Noch deutlicher fiel die Kritik von Außenminister Andrii Sybiha aus: Er bezeichnete Infantino auf sozialen Medien als „moralisch degeneriert“ und wies darauf hin, dass Hunderte ukrainische Mädchen und Jungen nie wieder Fußball spielen würden, weil Russland sie getötet habe. Sybiha zog in seiner Kritik einen historischen Vergleich zu den umstrittenen Olympischen Spielen 1936, was die Tiefe der Empörung unterstreicht.
Die ukrainische Führung betonte außerdem, der Bann dürfe nicht aufgehoben werden, solange der Krieg andauere und Russland seine militärischen Aktionen nicht beendet habe. Diese Position wird von vielen in der internationalen Fußball‑ und Politikszene geteilt, wonach Sport nicht isoliert von geopolitischen Realitäten betrachtet werden könne.
Ein politisches Minenfeld
Die Debatte um Russlands mögliche Rückkehr zeigt einmal mehr, wie stark Sport und Politik heutzutage verwoben sind. Während Infantino auf die universellen Werte des Fußballs pocht und eine Öffnung des Sports als Beitrag zu Verständigung und Friede sieht, betonen Kritiker die Unvereinbarkeit einer Rückkehr Russlands mit fortdauernden Gewaltakten.
Die Frage, ob und unter welchen Bedingungen Russland wieder international spielen darf, dürfte die Fußballwelt noch lange beschäftigen.