
Beim Hamburger SV dominiert seit Wochen nicht nur sportliche Performance die Schlagzeilen, sondern vor allem die Personalie Stefan Kuntz. Der ehemalige Sportvorstand, der den Verein Anfang 2026 verlassen musste, steht im Zentrum schwerer Vorwürfe. Während sportlich beachtliche Ergebnisse wie das Unentschieden gegen den FC Bayern oder Zwischenfälle wie die Alkoholfahrt von Jean-Luc Dompé noch im Fußballkontext diskutiert wurden, rücken die mutmaßlichen Verfehlungen von Kuntz jetzt wieder in den Vordergrund.
Zwischen dem Verein und Kuntz entwickelte sich nach seiner Trennung ein offener Schlagabtausch – man könnte auch Schlammschlacht sagen.
Der HSV hatte bereits zu Jahresbeginn ein „schwerwiegendes Fehlverhalten“ im Umgang mit Mitarbeitenden angeführt. Kuntz wies die Vorwürfe öffentlich zurück und erhob seinerseits Anschuldigungen gegen den Verein. Der Aufsichtsrat reagierte prompt und widersprach in mehreren Punkten. Nun kommen Details ans Licht, die Kuntz in einem noch kritischeren Licht erscheinen lassen könnten.
Kommentare über die Brüste einer Mitarbeiterin?
Der Redaktion des Stern liegen offenbar Unterlagen vor, die das Zerwürfnis zwischen Kuntz und dem HSV verdeutlichen. Darunter eine Strafanzeige Kuntz‘ gegen unbekannt wegen Nachstellung, die er später zurückzog. Außerdem die Aussagen einer Anwältin, die mehrere Frauen vertritt, die den ehemaligen Sportvorstand beschuldigen.
Die Vorwürfe gegen Kuntz umfassen verbale Übergriffe, sexuelle Anspielungen und unangemessene Kommentare – unter anderem explizit über die Brüste einer Mitarbeiterin. Die Rede ist außerdem von „wenig zweideutigen Aufforderungen zu sexuellen Handlungen“.
Kuntz inszeniert sich als Opfer
Die Strafanzeige zeichnet dagegen ein konträres Bild: Kuntz stellt sich als Opfer dar. Er berichtet von anonymen Liebesbriefen, rätselhaften Anrufen und ungebetenen Annäherungen durch Mitarbeiterinnen.
Laut Kuntz sei er über Monate hinweg in Situationen gebracht worden, die seine psychische Gesundheit belastet hätten. Sein Verhalten soll auf Unsicherheit und Stress zurückzuführen sein – und nicht auf ein Fehlverhalten gegenüber den Frauen.
Chronologie der Vorwürfe
Die Anzeige wurde am 12. Dezember 2025 gestellt, kurz nachdem der HSV interne Untersuchungen eingeleitet hatte. Bereits am 4. Dezember hatte sich eine Mitarbeiterin an ein Aufsichtsratsmitglied gewandt und über verbale Belästigungen berichtet.
Der Verein reagierte umgehend und ließ die Vorfälle durch eine externe Kanzlei prüfen. Die enge zeitliche Nähe der Anzeige zu den Ermittlungen wirft die Frage auf, ob Kuntz hier einen präventiven Schritt unternahm, um sich gegen mögliche Anschuldigungen abzusichern.
Interessant ist auch die Darstellung der Vorfälle in der Strafanzeige. Kuntz beschreibt mehrere Begegnungen im Büro, die ihn in unangenehme Situationen gebracht haben sollen – etwa, dass sich eine Frau eng an ihm vorbeidrängte oder er ihr beim Verbinden des Fußes half. Auch ein geplantes Treffen während eines Mallorca-Urlaubs schildert er als unaufgefordert als von der Mitarbeiterin initiiert.
Wollte Kuntz das Treffen auf Mallorca?
Doch diese Darstellung wird durch die Aussagen der Mitarbeiterinnen deutlich infrage gestellt. Laut der Anwältin der Frauen gibt es Chatnachrichten, die zeigen, dass Kuntz in derselben Mallorca-Urlaubsregion mehrfach Treffen „auf einen Gin Tonic“ vorgeschlagen haben soll – entgegen seiner Darstellung.
Auch interne Unterlagen dokumentieren, dass Kuntz offenbar selbst wiederholt Nähe zu Mitarbeiterinnen suchte, während er sich öffentlich als Opfer darstellt.
Der HSV betont zudem, dass Kuntz mehrere Anhörungstermine verschob oder ablehnte. Erst kurz vor dem Aufhebungsvertrag wollte er noch eine Anhörung nutzen, die er dann doch nicht wahrnahm. Die Möglichkeit, die eigenen Schilderungen mit den Aussagen der Frauen abzugleichen, wurde ihm damit effektiv verwehrt.
Ein zweifelhaftes Bild des Ex-Sportvorstands
Die Kombination aus Strafanzeige, widersprüchlichen Zeugenaussagen und internen Berichten zeichnet ein Bild, das Kuntz in einem zunehmend zweifelhaften Licht erscheinen lässt.
Während er sich selbst als Opfer beschreibt, berichten mehrere Frauen unabhängig voneinander von übergriffigem Verhalten, sexistischen Sprüchen und unangebrachten Annäherungen. Besonders brisant sind die Berichte über Kommentare zu Körperteilen und eindeutige sexuelle Aufforderungen.
Die Diskrepanz zwischen Kuntz‘ Darstellung und den Aussagen der Mitarbeiterinnen lässt die Frage offen, ob der Ex-Sportvorstand versucht, seine Reputation zu schützen, während gleichzeitig schwerwiegendes Fehlverhalten offenbar übersehen oder verharmlost wurde.
Mallorca-Episode als Beispiel
Ein besonders kontroverser Punkt ist der Mallorca-Urlaub im November 2025. Kuntz behauptete, er habe ein Treffen mit einer Mitarbeiterin abgelehnt. Chatnachweise und Aussagen der Anwältin der Frau legen jedoch nahe, dass Kuntz selbst mehrfach Treffen vorgeschlagen habe.
Dieses Detail illustriert die Widersprüchlichkeit seiner Schilderungen und wirft die Frage auf, ob er die Vorfälle bewusst verzerrt darstellt.
Rechtslage und weitere Schritte
Kuntz hat Hamburg mittlerweile verlassen, die rechtliche Klärung der Vorwürfe steht noch aus. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.
Gleichzeitig beginnt die Aufarbeitung dessen, was während seiner kurzen Amtszeit als Sportvorstand tatsächlich geschah. Die Vielzahl der Vorwürfe, die detaillierten Berichte der Frauen und die belegten Widersprüche werfen jedoch ein dauerhaftes Schattenlicht auf seine Führung und sein Verhalten beim HSV.