
Kommentar von Chefredakteur Simon Schneider
Experten leben von ihrer Glaubwürdigkeit. Von Einschätzungen, die einordnen, erklären und idealerweise auch treffen. Umso problematischer wird es, wenn Prognosen spektakulär danebenliegen – so wie bei Christoph Kramer und seiner inzwischen legendären Einschätzung zum FC St. Pauli. Was der TV-Experte im vergangenen September öffentlich vorhersagte, wirkt aus heutiger Sicht wie ein schlechter Scherz.
Damals zeigte sich Kramer geradezu euphorisch. Der Aufsteiger aus Hamburg, so seine feste Überzeugung, würde nicht nur eine „tolle Saison“ in der Bundesliga spielen, sondern bis in die letzten Spieltage hinein ernsthaft um die internationalen Plätze kämpfen.
St. Pauli als Überraschungsteam, als frischer Wind im Oberhaus, als möglicher Europapokal-Kandidat – Kramer war sich sicher und trat entsprechend selbstbewusst auf.
FC St. Pauli: Abstieg statt Europapokal?
Fünf Monate später, im Februar 2026, ist von dieser Vision nichts mehr übrig. Die Realität ist brutal und entlarvend. Der FC St. Pauli steht auf dem vorletzten Tabellenplatz, hat bereits vier Punkte Rückstand auf den Relegationsrang und taumelt dem Abstieg in die 2. Bundesliga entgegen.
Statt Europa droht die Rückkehr in die 2. Bundesliga. Statt Aufbruch herrscht Ernüchterung. Kramers Prognose wirkt im Rückblick nicht nur falsch, sondern unfassbar peinlich.
Kramer hat den Mund mal wieder sehr voll genommen
Natürlich gehören Fehleinschätzungen zum Geschäft. Fußball ist unberechenbar, Dynamiken können kippen, Verletzungen und Formkrisen alles verändern. Doch im Fall St. Pauli war Kramers Aussage keine vorsichtige Tendenz, sondern eine markige Ansage. Genau das fällt ihm nun auf die Füße – und wirft grundsätzliche Fragen zu seiner Expertise auf.
Brisant ist dabei auch der Blick auf Kramers eigene Laufbahn. Denn auch in eigener Sache lag der Weltmeister von 2014 zuletzt bemerkenswert daneben.
Auch in Bezug auf sich selbst lag Kramer komplett daneben
Nach der einvernehmlichen Vertragsauflösung bei Borussia Mönchengladbach im Sommer 2024 ging Kramer offenbar davon aus, dass neue Vereine bei ihm „Schlange stehen“ würden. Ein erfahrener Bundesligaprofi, international gespielt, medial präsent – so zumindest das eigene Bild.
Die Realität war ernüchternd. Kein Bundesligist griff zu, kein ambitionierter Zweitligist schlug zu. Statt eines neuen sportlichen Kapitels folgte das schleichende Ende der Profikarriere. Kramer musste akzeptieren, dass der Markt ihn nicht mehr wollte – ein schmerzhafter Kontrast zu seiner Selbstwahrnehmung.
So ergibt sich ein bitterer Gesamteindruck: Christoph Kramer, der frühere Stratege auf dem Platz, liegt derzeit auffällig oft falsch. Bei der Bewertung von Mannschaften, bei der Einschätzung von Entwicklungen – und sogar bei sich selbst.
Für einen TV-Experten ist das mehr als unglücklich. Es ist ein Warnsignal. Denn wer permanent danebenliegt, verliert irgendwann das, was im Expertenbusiness am wichtigsten ist: Vertrauen.