
Dass der Aufsichtsratsvorsitzende eines Profifußballklubs auch Geschäftsführer eines großen Sportwettenanbieters ist, dürfte in der Welt des Fußballs für viele Fans und Beobachter wie ein Aprilscherz klingen – ist aber Realität. Axel Hefer steht seit 2021 als Vorsitzender im Aufsichtsrat des FC Schalke 04 und bekleidet seit Sommer 2024 gleichzeitig den Vorstandsvorsitz des Wettanbieters Tipico. Für viele ist diese Doppelrolle nicht nur überraschend, sondern aus gutem Grund kritisch zu sehen.
Auf den ersten Blick mag Hefers Doppelfunktion harmlos erscheinen: Ein Mann, der sowohl im Fußball als auch im Sportbusiness Verantwortung trägt. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich eine Reihe von Problemen, die weit über die klassische „Doppelrolle“ hinausgehen und im Kern mit Interessenskonflikten, Sportintegrität und gesellschaftlicher Verantwortung zu tun haben.
Was bedeutet die Doppelrolle von Hefer für das Image von Schalke 04?
Zunächst einmal: Sportwetten sind ein milliardenschweres Geschäft, von dem nicht nur Fans und Freizeitspieler profitieren, sondern vor allem die Anbieter selbst. Wettfirmen wie Tipico setzen ihre Gewinne maßgeblich aus dem Einsatzverhalten der Kunden zusammen – einschließlich jener Spieler, die unter Spielsucht leiden oder hohe Summen verlieren.
Die Branche steht seit Jahren in der Kritik, weil ein erheblicher Anteil der Umsätze von Menschen stammt, die problematisches Spielverhalten zeigen – ein strukturelles Problem des Geschäftsmodells, das gesellschaftlich stark umstritten ist. Zwar sind Wettanbieter inzwischen reguliert und lizenziert, doch Diskussionen um Spielsucht, Risiko für Konsumenten und die Verantwortung der Branche bleiben akut.
Ist ein Interessenskonflikt vorprogrammiert?
Vor diesem Hintergrund ist die Gleichzeitigkeit von Hefers Funktionen besonders heikel: Als Aufsichtsratschef eines der traditionsreichsten deutschen Klubs trifft er Entscheidungen über strategische Partnerschaften, Sponsoringverträge oder wirtschaftliche Ausrichtung.
Als CEO eines großen Wettanbieters hingegen verhandelt er genau jene Art von kommerziellen Deals, die potentiell mit Fußballvereinen, Ligen oder Partnernetzwerken kollidieren könnten. Eine klassische Interessenskonstellation:
Wenn Tipico Schalke als Sponsor finanziell besonders entgegenkommt, könnte schnell der Eindruck entstehen, dass der Wettanbieter seinem eigenen Aufsichtsratschef indirekt einen Vorteil verschafft. Umgekehrt kann Schalke eine Entscheidung treffen, die den Wettanbieter schwächt. Selbst wenn Hefer in solchen Fällen formell „neutral“ bleibt, bleibt perzeptionell ein Graben zwischen Interessen von Verein und Wettkonzern.
Es geht um sehr viel Geld
Erschwerend kommt hinzu, dass Tipico als Sponsoringpartner großer Fußball-Institutionen auftritt: Die Deutsche Fußball Liga (DFL) und selbst der FC Bayern München gehören zu den Partnern des Wettanbieters – Verträge, die nicht zuletzt von den Spitzensportverbänden als hoch lukrative Werbewege geschätzt werden.
Dass derselbe Manager, der über Sponsoring im Profifußball mitentscheidet, auf der anderen Seite einen Wettanbieter lenkt, der vom Sport lebt, führt zu einer Wahrnehmung, in der wirtschaftliche und sportliche Interessen miteinander verwoben werden – und das in einer Branche, die in der öffentlichen Debatte ohnehin oft mit Kritik an Spielsucht, mangelndem Verbraucherschutz oder Rechtsstreitigkeiten zu tun hat.
Auch für das Image von Schalke 04 wirft diese Konstellation Fragen auf. Ein Verein, der auf Tradition, Identifikation und Gemeinschaft baut, präsentiert sich nach außen in einem Kontext, in dem Wetten, Gewinne und Risiko eine große Rolle spielen.
Erstaunlich, dass es auf Schalke zu diesem Thema so ruhig ist
Für große Teile der Fanbasis wirken Sportwetten nicht als unschuldiges Freizeitvergnügen, sondern als ein Geschäft, das von Verlusten und Abhängigkeiten lebt. Wenn der Boss eines Vereins gleichzeitig das führende Unternehmen dieser Branche steuert, kann dies als Affinität zu einem Geschäftsmodell verstanden werden, das moralisch bereits stark umstritten ist.
Kurz gesagt: Es geht nicht nur um die rechtliche Zulässigkeit einer Doppelrolle, sondern um Vertrauen, Glaubwürdigkeit und die klare Trennung zwischen Sportintegrität und kommerziellen Interessen.
In einer Zeit, in der der Profifußball ohnehin immer stärker mit Sponsorenverflechtungen, wirtschaftlichen Zwängen und gesellschaftlicher Kritik konfrontiert ist, bleibt die Frage offen, wie sinnvoll es ist, wenn gerade die Spitze eines traditionsreichen Klubs zugleich das Ruder eines umstrittenen Wettkonzerns führt. Eine kritische Debatte darüber ist mehr als überfällig.