
Der Fußball steht möglicherweise vor einer seiner größten Regelrevolutionen. Wenn die Regelhüter über die neue Abseitsregel sprechen, geht es längst nicht mehr um Details, sondern um das Grundverständnis des Spiels. Am 20. Januar 2026 kommt das International Football Association Board (IFAB) zu einer Sitzung nahe des Londoner Flughafens Heathrow zusammen.
Auf der Agenda: eine Abseitsidee, die das Spiel weltweit verändern könnte – auch wenn sie zur WM 2026 wohl noch nicht greifen wird.
Die neue Abseitsregel und die Idee vom „Tageslicht“
Treiber der Reform ist seit Jahren FIFA-Fußballdirektor Arsène Wenger. Sein Vorschlag klingt simpel, hätte aber enorme Folgen: Ein Angreifer soll erst dann im Abseits stehen, wenn er vollständig vor dem vorletzten Gegenspieler positioniert ist. Gibt es zwischen Verteidiger und Angreifer noch eine sichtbare Lücke – das berühmte „Tageslicht“ –, soll die Position als regelkonform gelten.
Die Diskussion um diese neue Abseitsregel begann bereits 2020, wurde durch die Pandemie jedoch ausgebremst. Nun ist sie zurück auf der großen Bühne. FIFA-Präsident Gianni Infantino betonte zuletzt, man wolle den Fußball dynamischer, offensiver und attraktiver machen. Genau hier setzt der Reformgedanke an.
Warum die neue Abseitsregel den Fußball revolutionieren könnte
Kaum eine Regel wurde durch den VAR so sehr auf die Probe gestellt wie das Abseits. Millimeterentscheidungen, bei denen Kniescheiben, Schultern oder Zehenspitzen über Torjubel oder Frust entscheiden, prägen den modernen Fußball. Kritiker bemängeln: Der sportliche Vorteil für den Angreifer ist oft kaum erkennbar, dennoch wird rigoros abgepfiffen.
Die neue Abseitsregel würde genau hier ansetzen. Angreifer hätten mehr Spielraum, Laufwege könnten mutiger werden, Abwehrketten müssten sich neu orientieren. Weniger zurückgenommene Tore, mehr flüssige Offensivaktionen – die Hoffnung auf ein spektakuläreres Spiel ist groß. Für viele Experten wäre dies ein echter Paradigmenwechsel.
Bedenken und Risiken der Regelreform
Doch jede Revolution hat ihre Schattenseiten. Auch mit der neuen Abseitsregel verschwinden Grenzentscheidungen nicht vollständig. Statt Zehenspitzen könnten künftig Fersen oder Hüften über Abseits oder Nicht-Abseits entscheiden. Die Linie verschiebt sich – verschwindet aber nicht.
Hinzu kommt die praktische Umsetzung. Für Schiedsrichter und Assistenten, vor allem im Amateurfußball ohne technische Hilfsmittel, wäre die Umstellung enorm. Zudem warnen Taktikexperten vor einem paradoxen Effekt: Wenn Abseitsfallen schwerer zu stellen sind, könnten Mannschaften tiefer stehen und defensiver agieren. Das Ziel eines offensiveren Spiels wäre damit konterkariert.
Diskutiert werden deshalb auch abgeschwächte Varianten, etwa eine Abseitsbewertung ausschließlich anhand des Rumpfes, ohne Kopf und Arme.
Neue Abseitsregel zur WM 2026? Wohl kaum
Trotz des starken FIFA-Interesses gilt eine Einführung zur WM 2026 als unwahrscheinlich. Abseits ist die zentrale Regel des Fußballs, jede Änderung greift tief in taktische Konzepte ein. Die Geschichte mahnt zur Vorsicht: 1990 wurde „gleiche Höhe“ abgeschafft – das Ergebnis war die torärmste Weltmeisterschaft aller Zeiten.
Zudem fehlt die Zeit. Spieler, Trainer, Schiedsrichter und die halbautomatische Abseitstechnik müssten sich ohne ausreichende Testphase an eine neue Realität gewöhnen. Eine Weltmeisterschaft als Experimentierfeld wäre riskant. Bisherige Tests lieferten laut internen Berichten gemischte Ergebnisse.
Was stattdessen kommt: VAR-Ausbau und weitere Neuerungen
Realistischer sind andere Anpassungen. Der VAR soll künftig häufiger eingreifen dürfen, etwa bei klar falschen Eckballentscheidungen. Bereits beschlossen ist zudem die VAR-Überprüfung bei Gelb-Roten Karten. Auch Countdowns – bekannt von der Acht-Sekunden-Regel für Torhüter – könnten auf Einwürfe und Abstoßsituationen ausgeweitet werden.
Langfristig arbeitet das IFAB zudem an Lösungen gegen Zeitspiel, etwa einem Zeitlimit für Auswechslungen. All das zeigt: Während die neue Abseitsregel noch diskutiert wird, steht der Fußball bereits mitten im Wandel. Sollte sie eines Tages kommen, könnte sie das Spiel grundlegend verändern.