
Ein Jahr ist Trainer Niko Kovac jetzt in Dortmund. Beim BVB sollte man sich mal die Zeit nehmen für eine ehrliche und schonungslose Bilanz. Betrachtet man die Ergebnisse und die Anzahl der Punkte, dann hat der Coach geliefert – keine Frage. Doch je klarer sein Einfluss wird, desto klarer offenbart sich das eigentliche Problem: Dieser Kader ist für die ganz großen Ziele schlicht nicht gut genug zusammengestellt. Oder anders gesagt: Für die finanziellen Mittel des BVB ist diese Truppe unfassbar schwach. Wer trägt die Verantwortung?
Kovač stabilisierte eine wacklige Mannschaft, gab ihr Struktur, defensive Ordnung und neue Widerstandskraft. Ein Punkteschnitt knapp unter zwei pro Spiel spricht eine deutliche Sprache. Platz zwei in der Liga hinter den Bayern wirkt seriös erarbeitet, nicht glücklich erschlichen.
Auch das erneute Erreichen der K.o.-Runde in der Champions League unterstreicht: Der Trainer ist ein Gewinn. Vielleicht sogar der beste „Transfer“ der Vereinsführung im letzten Jahr.
Und trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack.
Die BVB-Bosse reden sich die Lage schön
In den Chefetagen wird gern betont, der Kader sei qualitativ stark, man müsse Neuzugängen nur Zeit zur Anpassung geben. Klingt vernünftig – ist aber nur die halbe Wahrheit. Rund 100 Millionen Euro flossen in neue Spieler, doch echte Unterschiedsspieler sind bislang nicht daraus entstanden. Talent ist da, Potenzial ebenfalls. Aber auf Topniveau entscheiden nicht Perspektiven, sondern sofortige Wirkung.
Die schmerzhaften Abgänge der letzten Jahre wurden nie gleichwertig ersetzt. Ob Bellingham, Haaland oder Sancho – ihre Qualität war spielentscheidend. Die aktuellen Neuen sind Entwicklungsprojekte in einem Team, das eigentlich Titel angreifen will. Das passt nicht zusammen.
Der Kader ist dünn für Europa und starke Gegner
In der Bundesliga reicht die Qualität oft, um sich hinter Bayern als „Best of the Rest“ zu etablieren. International wird die Kaderstruktur schonungslos entblößt. Niederlagen gegen europäische Schwergewichte sind kein Drama – die Art, wie deutlich die Grenzen sichtbar werden, schon.
Fallen dann noch Leistungsträger in der Defensive aus, gerät das System sofort ins Wanken. Die Abwehr wirkt personell auf Kante genäht. Ein, zwei Verletzungen – und aus Stabilität wird Improvisation. Genau hier fehlt die Tiefe, die Topklubs auszeichnet.
Offensiv fehlt der Plan B
Auch vorne zeigt sich das Problem. Gerät ein Stammstürmer in eine Flaute, gibt es keinen zweiten verlässlichen Vollstrecker. Tore müssen plötzlich von Spielern kommen, deren Kernaufgabe woanders liegt. Das ist kein Zeichen von Flexibilität, sondern von strukturellem Mangel.
Gleichzeitig leidet die Attraktivität des Spiels. Dortmund wirkt kontrollierter, aber auch berechenbarer. Der frühere Offensivrausch ist einer vorsichtigen Statik gewichen. Kovač holt das Maximum aus dem Material heraus – doch mehr steckt derzeit nicht drin.
Trainer gut, Kader nur Durchschnitt
Unterm Strich ist die Lage paradox: Der Trainer hebt das Niveau, während der Kader die Decke nach unten zieht. Dortmund steht wieder stabil da, aber eben auch sichtbar limitiert. Wer ernsthaft um Titel mitspielen will, darf sich nicht länger einreden, alles sei auf dem richtigen Weg.
Der nächste Schritt ist kein taktischer, sondern ein personeller. Sonst bleibt der BVB das, was er aktuell ist: teuer, ambitioniert – und international nur Mittelmaß.