Analyse: Warum Emre Can beim BVB nicht zu ersetzen ist

Simon Schneider
geprüft von Lukas Stratmann | 2 Min. Lesezeit
Nicht nur als sicherer Elfmeterschütze eine Bank beim BVB: Emre Can.

Emre Can polarisiert in Dortmund wie kaum ein Zweiter. Kaum ein Spiel vergeht ohne Diskussionen über seine Zweikampfführung, seine Gestik oder seine Grenzgänge. Doch ausgerechnet vor dem richtungsweisenden Champions-League-Duell mit Inter Mailand wird deutlich: Genau diese kompromisslose Art füllt beim BVB eine Lücke, die lange zu sehen – aber selten zu schließen war.

Beim Auswärtssieg in Köpenick lieferte Can wieder einmal Stoff für Schlagzeilen. Er traf, trieb an, provozierte – und brachte Gegner wie Umfeld gegen sich auf. Selbst Union Berlin reagierte gereizt und retuschierte Dortmunds Kapitän aus einem veröffentlichten Jubelbild. Can dürfte das kaum beeindruckt haben. Sein Auftrag war erfüllt: Präsenz zeigen, Widerstand brechen, Mentalität vorleben.

„Das sind eben Emotionen, die kommen im Spiel hoch“, erklärte er später sinngemäß nach der hitzigen Partie. Dass er dabei nahe an einem weiteren Platzverweis agierte, war offenbar einkalkuliert – vor allem nach dem blutleeren Auftritt der Dortmunder zuvor in der Königsklasse.

Mit Emre Can legt sich kein Gegner gerne an

Vor dem Duell mit Inter braucht Dortmund genau diese Energie. Sportlich ist die Ausgangslage in der Gruppe zwar nicht dramatisch, doch eine weitere enttäuschende Vorstellung auf internationaler Bühne würde schwer wiegen. Vor allem defensiv offenbarten die Westfalen zuletzt ungewohnte Schwächen: 15 Gegentore in sieben Champions-League-Partien sprechen eine deutliche Sprache.

Cans Forderung nach mehr „erwachsenem Fußball“ kommt daher zur rechten Zeit. Sein kompromissloser Stil wirkt intern. Torhüter Gregor Kobel deutete mit einem Lächeln an, dass Can in solchen Momenten richtig aufblühe. Und auch Nico Schlotterbeck ließ durchblicken, wie wertvoll diese Aggressivität sein kann: Ein bissiger Emre Can sei für Gegner schlicht unangenehm zu bespielen.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Als Dortmund ihn 2020 von Juventus holte, waren die Erwartungen klar umrissen: Führungsstärke, Physis, Siegermentalität. Der damalige Sportdirektor betonte, man bekomme nicht nur einen technisch versierten Spieler, sondern auch einen, der Robustheit und Willen mitbringe.

Doch Cans Zeit beim BVB verlief wechselhaft. Verletzungen, Formschwankungen und unglückliche Aktionen warfen ihn immer wieder zurück. Viele Fans störten sich an seinem risikoreichen Spiel im Zentrum, an Momenten fehlender Kontrolle. Die Kritik war ein ständiger Begleiter, die Kapitänsbinde nach Marco Reus zusätzliches Gewicht auf seinen Schultern.

Neue Rolle, neue Bedeutung

Trotzdem blieb Can – und entwickelte sich weiter. In der Defensive, besonders als Teil einer Dreierkette, wirkt er stabiler und klarer in seinen Aufgaben. Dort kann er seine Zweikampfstärke und Erfahrung besser einbringen. Nach dem kurzfristigen Abgang von Aaron Anselmino sind seine Vielseitigkeit und Routine noch wertvoller geworden.

Auch vertraglich schien seine Zukunft lange offen. Inzwischen deutet vieles darauf hin, dass beide Seiten weitermachen wollen. Can selbst betonte kürzlich, wie groß das gegenseitige Vertrauen zwischen ihm und dem Klub sei.

Ein weiterer Pluspunkt: seine Nervenstärke vom Punkt. Zwölf verwandelte Elfmeter im BVB-Trikot sprechen für sich. Jüngst traf er in der Nachspielzeit eiskalt gegen St. Pauli, auch in Berlin blieb er sicher. Manch ein Fan denkt da unweigerlich an verpasste Chancen aus der Vergangenheit.

Vielleicht ist Emre Can nicht der perfekte Kapitän. Aber in Spielen, in denen es weh tut, ist er oft genau der Richtige.

Simon Schneider - Chefredakteur & News-Experte
Simon Schneider Simon Schneider ist Chefredakteur und News-Experte bei Sportwetten24. Mit über 15 Jahren Erfahrung im Sportjournalismus verantwortet er die redaktionelle Qualität des gesamten Portals. Simons Stärke liegt in der sportartübergreifenden Analyse: Von Fußball und Esports über Tennis und MMA bis zu Wintersport und Politik-Wetten deckt er das breiteste Themenspektrum im Team ab. Intern überzeugt er regelmäßig mit einer der stabilsten Erfolgsquoten. Er hält einen B.A. in Journalistik von der Universität Leipzig und arbeitet von dort aus.
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