Geld zurück von Tipico: Versteckt der Wettanbieter sein Kapital?

Simon Schneider | am:
Gegen den Wettanbieter Tipico werden Vorwürfe erhoben.

Tausende frühere Kunden wollen sich ihre Verluste vom Sportwettenanbieter Tipico zurückholen. Mehrere Gerichte haben Spielern bereits Recht gegeben. Doch während sich die Verfahren durch die Instanzen ziehen, rückt eine andere Frage immer stärker in den Fokus: Ist das Geld, um das gestritten wird, überhaupt noch vorhanden?

Ein 43-jähriger IT-Manager aus Nordrhein-Westfalen steht exemplarisch für viele Betroffene. Fußball war für ihn immer Leidenschaft, Bundesliga-Wochenenden gehörten fest zum Alltag. Als bekannte Gesichter aus dem Profifußball – im Falle von Tipico war das Oliver Kahn – für einen großen Wettanbieter warben und Seriosität vermittelten, fühlte er sich in Sicherheit.

Vom Werbeversprechen zur Klage

Ab 2014 setzte er regelmäßig auf Spiele, anfangs mit kleinen Beträgen, später immer häufiger. Über die Jahre häuften sich die Verluste – nicht nur durch Sportwetten, sondern auch durch Online-Glücksspielangebote. Am Ende stand ein Minus von rund 95.000 Euro. Heute sagt er, er hätte nie gespielt, wenn er gewusst hätte, dass der Anbieter damals gar keine gültige deutsche Lizenz besaß.

Mit dieser Haltung ist er längst nicht allein. Nach Schätzungen von Juristen sind inzwischen deutlich mehr als 6.000 Klagen anhängig, viele davon gegen Tipico. Der gesamte Streitwert könnte sich auf bis zu 150 Millionen Euro summieren.

Urteile zugunsten der Spieler

In zahlreichen Fällen stellten Gerichte bereits fest: Wer in den Jahren zwischen 2012 und 2020 bei Online-Anbietern ohne deutsche Lizenz wettete, tat das auf Grundlage rechtlich unwirksamer Verträge. Weil es in dieser Zeit keine klare Regulierung und kaum Spielerschutz gab, sehen Richter gute Chancen für Rückforderungen.

Auch der oben genannte Kläger bekam in erster Instanz Recht. Das Urteil ist noch nicht endgültig, passt aber in eine wachsende Reihe ähnlicher Entscheidungen. Für Spieler bedeutet das Hoffnung – für die Anbieter ein erhebliches finanzielles Risiko.

Tipico weist alle Vorwürfe zurück. Man habe sich stets rechtmäßig verhalten, betont das Unternehmen, und verweist auf laufende Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH), die grundlegende Rechtsfragen klären sollen. Zu der geschätzten Gesamtsumme möglicher Rückzahlungen äußert sich der Anbieter nicht konkret. Bekannt ist lediglich, dass Rückstellungen von unter zehn Millionen Euro gebildet wurden.

Das wäre nur ein Bruchteil der Beträge, die im Raum stehen.

Standort Malta als Schutzschild

Erschwert wird die Lage für Kläger durch den Unternehmenssitz. Tipico ist in Malta ansässig – und dort gilt seit 2023 ein Gesetz, das die heimische Glücksspielbranche vor der Vollstreckung ausländischer Urteile schützt. Gerichte in Malta können demnach Entscheidungen aus anderen EU-Staaten ignorieren, wenn sie gegen Wettunternehmen gerichtet sind.

Aus Sicht der Klägeranwälte verstößt dieses Gesetz klar gegen europäisches Recht. Die EU-Kommission hat bereits ein Verfahren gegen Malta eingeleitet. Am Ende wird der EuGH entscheiden, ob diese Regelung Bestand haben darf. Sollte sie gekippt werden, könnten Rückforderungen deutlich leichter durchgesetzt werden.

Parallel befasst sich das Gericht mit der Frage, wie die frühere deutsche Lizenzpraxis rechtlich zu bewerten ist. Beide Verfahren zusammen haben das Potenzial, für Wettanbieter in Europa extrem teuer zu werden.

Wurden Milliarden verschoben?

Für zusätzliche Brisanz sorgen Einblicke in die Konzernstruktur. Branchenbeobachter entdeckten in aktuellen Geschäftsberichten eine Dividendenausschüttung von mehr als einer Milliarde Euro – ausgerechnet bei jener Gesellschaft, gegen die viele deutsche Klagen gerichtet sind.

Dabei handelt es sich um die „Tipico Co. Ltd.“, die seit 2020 über die deutsche Sportwettenlizenz verfügt. Laut Bilanz für 2024 schüttete diese Gesellschaft rund 1,087 Milliarden Euro an ihre Mutterfirma aus. Von dort aus soll das Geld über mehrere Stationen weitergeleitet worden sein, unter anderem an Gesellschaften in Luxemburg und letztlich an die oberste Konzernmutter eines internationalen Finanzinvestors.

Solche konzerninternen Zahlungen sind grundsätzlich legal. Kritiker sehen jedoch einen auffälligen Zeitpunkt. Der Verdacht: Die Gesellschaft, gegen die sich viele Klagen richten, könnte gezielt finanziell ausgedünnt worden sein.

Eine Expertin für internationale Rechnungslegung weist zudem darauf hin, dass zentrale Vermögenswerte – darunter Markenrechte, Software und Teile des Kundenstamms – in der Konzernstruktur nach oben verschoben wurden. Solche Schritte seien nicht automatisch unzulässig, könnten aber dazu führen, dass die operative Einheit deutlich weniger Substanz besitzt als früher.

Alles Routine – oder gezielte Vorsorge?

Tipico selbst spricht von unbegründeten Spekulationen. Dividendenausschüttungen, Umstrukturierungen und Geschäfte innerhalb einer Unternehmensgruppe seien normale wirtschaftliche Vorgänge, die auch in anderen Branchen üblich seien. Alle Transaktionen seien geprüft worden und entsprächen geltendem Recht.

Warum allerdings gerade in einer Phase hoher rechtlicher Risiken besonders hohe Summen bewegt wurden, bleibt offen.

Auch die deutsche Glücksspielbehörde der Länder äußert sich zurückhaltend. Man gehe Hinweisen auf mögliche Verstöße nach, kommentiere jedoch keine Einzelfälle.

Warten auf Europas Richter

Für tausende Kläger hängt nun vieles vom Europäischen Gerichtshof ab. Erst wenn dort Grundsatzfragen geklärt sind, wird sich zeigen, ob aus positiven Urteilen tatsächlich Geld fließt.

Doch selbst im Erfolgsfall bleibt ein Unsicherheitsfaktor: Reicht die finanzielle Substanz der verantwortlichen Gesellschaft noch aus, um hohe Rückzahlungen zu leisten?

Für viele Betroffene ist aus einem harmlosen Freizeitvergnügen ein jahrelanger Rechtsstreit geworden. Statt Spannung am Spieltag gibt es nun banges Warten auf Urteile – und auf die Antwort auf die alles entscheidende Frage: Wo ist das Geld geblieben?

Simon Schneider Simon – Senior Redakteur & News-Experte Mit über 15 Jahren Erfahrung im Sportjournalismus (u.a. für das renommierte Portal Sport-Revue) bringt Simon journalistische Sorgfalt in die Welt der Sportwetten. Er weiß: Informationen sind die Währung des Erfolgs.

Während seine Wurzeln im Fußball, Esports und Wintersport liegen, hat er sein Portfolio bei Sportwetten24 erfolgreich erweitert. Simon ist unser Spezialist für das aktuelle Nachrichtengeschehen – von kurzfristigen Ausfällen im Tennis über MMA-Fights bis hin zu Politik-Wetten. In der Redaktion gilt er als der "Allrounder mit dem goldenen Händchen" und überzeugt intern regelmäßig mit einer der stabilsten Erfolgsquoten. mehr lesen