
Man kann Daniel Thioune vieles nachsagen – Leidenschaft, Kommunikationsstärke, Identifikation mit dem Verein. Aber eines eben nicht: Erfahrung in der Fußball-Bundesliga. Und genau das macht seine Verpflichtung für Werder Bremen zu einer Personalie mit enormem Risiko.
Werder steckt tief im Abstiegskampf, der Druck ist brutal, die Fehlerquote muss gegen null gehen. In so einer Lage auf einen Trainer zu setzen, der noch nie eine Mannschaft durch die Dynamik und die Wucht einer Erstligasaison geführt hat, ist ein Wagnis.
Die erste Liga ist Neuland für Thioune
Die Bundesliga ist kein Lernort, sondern ein Haifischbecken. Hier entscheiden Details, Tempo, mediale Dauerbelastung und taktische Feinheiten auf einem anderen Niveau als in Liga zwei. Thioune bekommt diese Bühne nicht als logischen nächsten Karriereschritt – sondern als Feuerwehrmann in einer Extremsituation.
Seine Vita liefert zudem Argumente für Skeptiker. Ja, Thioune hat beim VfL Osnabrück gute Arbeit geleistet. Ja, er hat Teams entwickelt und stabilisiert. Aber immer dann, wenn es auf die ganz große Nervenstärke ankam, blieben Fragezeichen.
Am Ende stand beim HSV und in Düsseldorf das Scheitern
Beim Hamburger SV sollte er den Aufstieg schaffen – gescheitert. Mit Fortuna Düsseldorf führte er eine beeindruckende Aufholjagd, stand in der Relegation gegen Bochum mit einem Bein in der Bundesliga – und verspielte nach einem 3:0 im Hinspiel doch noch alles.
Solche Spiele brennen sich ein. Sie nähren den Eindruck, dass seinen Mannschaften in den entscheidenden Momenten die letzte Klarheit fehlt. Und genau diese Momente warten jetzt in Bremen im Wochentakt.
Ist der Werder-Kader überhaupt gut genug für die Bundesliga?
Hinzu kommt: Thioune übernimmt keinen funktionierenden Kader, sondern eine Baustelle. Werder fehlt es in mehreren Mannschaftsteilen an Bundesliga-Format. Offensiv mangelt es an Durchschlagskraft, defensiv an Stabilität, insgesamt an Führungsspielern, die in Krisen vorangehen.
Viele Leihspieler, wenig Kontinuität, immer wieder Verletzungen – das ist kein Fundament, auf dem man in Ruhe etwas aufbauen kann. Es ist ein Überlebenskampf, und dafür braucht es normalerweise Trainer mit Erstliga-Instinkt, nicht Erstliga-Neulinge.
Thioune war nicht die Bremer Wunschlösung
Natürlich kann man argumentieren, dass frische Energie manchmal Wunder wirkt. Dass ein emotionaler, nahbarer Coach eine verunsicherte Kabine erreicht. Dass neue Ansprache neue Kräfte freisetzt. All das ist möglich. Aber es ist Hoffnung – keine belastbare Strategie.
Werder geht diesen Weg auch, weil attraktivere, erfahrenere Lösungen offenbar nicht zu bekommen waren. Das macht die Entscheidung nachvollziehbar, aber nicht weniger riskant. Man setzt auf den Trainer, den man kriegen konnte, nicht zwingend auf den, der die besten Voraussetzungen für genau diese Lage mitbringt.
Thioune bekommt seine große Chance. Doch für Werder ist es weit mehr als das: Es ist eine Wette auf Entwicklung unter Zeitdruck, auf Lernprozesse im Hochrisikobereich. Wenn sie aufgeht, spricht man von Mut. Wenn nicht, von einer Fehlbesetzung mit Ansage.
Und genau darin liegt die Sorge an der Weser.