
Ein Kommentar von Chefredakteur Simon Schneider
Die Debatte um eine mögliche Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2036 in Deutschland hat in den letzten Tagen an Schärfe gewonnen – vor allem wegen einer historischen Assoziation, die vielen offenbar noch immer schwer im Magen liegt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich öffentlich dagegen ausgesprochen, Deutschland solle sich gerade für das Jahr 2036 bewerben, weil es genau 100 Jahre nach den Spielen von 1936 liegt, die vom nationalsozialistischen Regime propagandistisch missbraucht wurden.
Und tatsächlich: Es gibt Stimmen, die aus diesem historischen Bezug ein ausschlaggebendes Argument gegen eine Bewerbung ableiten. Doch genau hier liegt ein grundlegender Irrtum – und eine verpasste Chance.
Historische Assoziationen sind kein Grund für ein pauschales Nein
Natürlich kann niemand ernsthaft bestreiten, dass die Olympischen Spiele 1936 in Berlin ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte sind – sie wurden gezielt zur Propaganda des NS-Regimes instrumentalisiert.
Aber daraus zu folgern, ein anderes Deutschland dürfe 100 Jahre später nicht Gastgeber dieser größten Friedens- und Sportveranstaltung der Welt sein, ist genauso irrational wie unzeitgemäß.
Das moderne Deutschland ist ein Leuchtfeuer der Demokratie
Die Bundesrepublik Deutschland ist heute eine gefestigte Demokratie, die für Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und internationale Zusammenarbeit steht.
Die Bundesrepublik hat sich nicht nur ihren historischen Fehlern gestellt, sie hat aus ihnen gelernt und gesellschaftlich sowie politisch Konsequenzen gezogen, die weltweit respektiert werden. Die Idee, dass allein ein Datum – eine Zahl – eine solche Bewerbung zunichte macht, ist historisch blind und ignoriert die Realität des Deutschlands von 2026.
Gerhard Schröder hat Recht
Altkanzler Gerhard Schröder hat das in seiner Replik auf Steinmeiers Position bereits treffend formuliert: Gerade eine Austragung im Jahr 2036 könnte eine Chance sein, „der Weltöffentlichkeit, aber auch der jungen Generation in Deutschland, deutlich zu machen, was wir als demokratisches Deutschland aus unserer Geschichte gelernt haben“.
Anstatt einen historischen Schatten nochmals zur Richtschnur zu erheben, sollte man die Olympischen Spiele als Bühne für ein modernes, offenes, inklusives Deutschland begreifen – genau das Gegenteil dessen, wofür das NS-Regime einst stand.
Ein symbolisches Datum kann positive Strahlkraft haben
Olympia lebt von Symbolik – nicht von historischen Traumata. Es ist ein Fest des Friedens, des interkulturellen Austauschs, des sportlichen Wettbewerbs und der globalen Verständigung.
Was wir brauchen, ist nicht die Vermeidung historischer Bezüge um jeden Preis, sondern die bewusste Gestaltung positiver Geschichte. Deutschland hat seit 1972 – als die letzten Sommerspiele hier stattfanden – mehrfach bewiesen, dass es große internationale Veranstaltungen nicht nur ausrichten kann, sondern ihnen auch demokratische, offene Werte verleiht.
Die olympische Bewegung selbst wurde nach den katastrophalen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts – inklusive zwei Weltkriegen – als Friedensprojekt neu gedacht. Wenn dieses Prinzip irgendwo in seiner tiefsten Bedeutung verkörpert werden kann, dann doch wohl in einem demokratischen Deutschland im Jahr 2036 – ein Jahrhundert nach der dunklen Vergangenheit.
Das IOC entscheidet – und historische Ablehnungen sind irrelevant
Am Ende des Tages trifft ohnehin nicht Deutschland die Entscheidung über den Austragungsort der Olympischen Spiele, sondern das Internationale Olympische Komitee.
Die Vergabe ist ein politischer und wirtschaftlicher Prozess, bei dem viele Faktoren eine Rolle spielen – Infrastruktur, Nachhaltigkeit, Sicherheit, regionale Akzeptanz, Energie- und Verkehrsplanung –, aber selten allein historische Daten. Deshalb ist es geradezu absurd, ein Jahr im Vorhinein kategorisch auszuschließen, nur weil symbolisch ein altes Ereignis in den Köpfen haften geblieben ist.
Dass einige Stimmen – wie jene des Bundespräsidenten – aus historischen Bedenken gegen 2036 ins Feld ziehen, zeigt eben auch, wie sehr Geschichte noch nachwirkt. Doch man muss historische Verantwortung tragen, ohne in historische Angst zu verfallen. Die pauschale Ächtung eines Jahres ist keine verantwortliche Politik, sondern ein reflexhaftes Zurückweichen. Gerade Deutschland sollte zeigen, dass es aus seiner Geschichte gelernt hat, ohne davor zu kapitulieren.
Deutschland sollte mutig sein – und Olympia wagen
Die Diskussion um Olympia 2036 hat eine positive Dynamik: Städte wie Berlin, München, Hamburg und die Rhein-Ruhr-Region bereiten Bewerbungen vor und diskutieren über Konzepte. Dass immer wieder historisch belastete Argumente ins Feld geführt werden, ist verständlich – aber eben nicht hinreichend, um ein solches Projekt zu torpedieren.
Deutschland ist kein Land, das vor seiner Vergangenheit davonläuft, sondern eines, das sich ihr stellt und gleichzeitig in die Zukunft blickt. Olympia 2036 in Deutschland wäre kein Relikt der Geschichte, sondern ein starkes Zeichen für Offenheit, Vielfalt und internationale Verbundenheit – genau das, was die olympische Idee ausmacht.