
Beim Hamburger SV ist aus einer zunächst diskret gehaltenen Trennung eine öffentliche Auseinandersetzung mit erheblicher Sprengkraft geworden. Anfang Januar hatten sich der Klub und Sportvorstand Stefan Kuntz offiziell auf eine Vertragsauflösung aus „persönlichen Gründen“ verständigt. Ziel war es, Ruhe zu bewahren und Spekulationen zu vermeiden. Inzwischen ist genau das Gegenteil eingetreten: Beide Seiten stellen ihre Version der Ereignisse dar – und widersprechen sich fundamental.
Auslöser der jüngsten Eskalation waren Interviews und öffentliche Aussagen des 63-Jährigen, in denen er den Eindruck vermittelte, von schwerwiegenden Vorwürfen gegen seine Person nichts gewusst zu haben.
Zudem habe er, so seine Darstellung, kaum Gelegenheit bekommen, sich umfassend zu äußern oder die Anschuldigungen zu entkräften. Der HSV-Aufsichtsrat reagierte darauf nun mit einer ungewöhnlich scharfen und detaillierten Stellungnahme.
HSV-Aufsichtsrat reagiert in aller Schärfe auf Kuntz-Ausagen
Das Kontrollgremium des Vereins weist die Schilderungen von Kuntz entschieden zurück und spricht in mehreren Punkten von nachweislich falschen Darstellungen.
Man habe auf Grundlage mehrerer, voneinander unabhängiger Hinweise interne Untersuchungen eingeleitet. Dabei sei es um gravierende Pflichtverletzungen gegangen, die aus Sicht der Aufseher ein zügiges Handeln notwendig gemacht hätten – auch aus Fürsorge gegenüber Mitarbeitenden und im Sinne der Vereinswerte.
Verdreht Kuntz die Tatsachen?
Besonders deutlich widerspricht der Aufsichtsrat der Behauptung, Kuntz sei nicht über die Vorwürfe informiert gewesen. Nach Darstellung des Gremiums sei er bereits Mitte Dezember offiziell über die laufenden Untersuchungen in Kenntnis gesetzt worden.
Einen Tag später hätten seine damaligen Rechtsbeistände eine Zusammenfassung der bis dahin vorliegenden Zeugenaussagen in anonymisierter Form erhalten. Die wiederholte Aussage, er habe nichts gewusst und keine faire Chance zur Stellungnahme bekommen, entspreche „nicht den Tatsachen“, so der Tenor.
Auch beim weiteren Ablauf zeichnen die Kontrolleure ein anderes Bild als der frühere Sportvorstand. Demnach habe man ihm über seine Anwälte mehrere konkrete Termine für eine Anhörung angeboten – zunächst kurz vor Weihnachten, später noch einmal nach den Feiertagen.
Kuntz-Anwälte kannten die Vorwürfe im Detail
Diese Treffen seien jedoch entweder nicht wahrgenommen, verschoben oder abgesagt worden. Erst nach einem Wechsel des Anwaltsteams habe es einen neuen Terminvorschlag gegeben, der schließlich ebenfalls nicht zustande kam.
Statt einer persönlichen Anhörung sei laut Aufsichtsrat der Wunsch geäußert worden, das geplante Treffen zur Verhandlung über eine einvernehmliche Vertragsauflösung zu nutzen. Kuntz selbst sei dabei nicht erschienen. Seinen neuen Anwälten habe man nochmals angeboten, die Vorwürfe ausführlich darzulegen – ein Angebot, das nach Vereinsangaben mit dem Hinweis abgelehnt worden sei, der Sachverhalt sei bekannt.
Wollte Kuntz selbst den Vertrag auflösen?
Ein weiterer Streitpunkt betrifft die Frage, ob Kuntz unter Druck gesetzt worden sei. Er hatte angedeutet, ihm sei signalisiert worden, eine Anhörung könne die Vorwürfe zwangsläufig öffentlich machen.
Der Aufsichtsrat stellt das anders dar: Man habe lediglich darauf hingewiesen, dass eine einvernehmliche Trennung eine Möglichkeit sei, ein langwieriges und womöglich öffentliches Verfahren zu vermeiden. Die Entscheidung für den Aufhebungsvertrag habe Kuntz demnach selbstbestimmt und nach juristischer Beratung getroffen.
Strafanzeige von Kuntz „mindestens in Teilen nachweislich unwahr“
Zusätzliche Brisanz erhält der Fall durch eine inzwischen zurückgezogene Strafanzeige wegen angeblichen Stalkings gegen Unbekannt, die Kuntz zuvor gestellt hatte. Nach Angaben des Aufsichtsrats sei auch diese im Kontext der Trennung thematisiert worden. Teile des Inhalts seien nach heutigem Stand ebenfalls nicht haltbar gewesen.
Am Ende betont das Gremium, man habe die Angelegenheit ursprünglich bewusst nicht öffentlich austragen wollen. Erst durch die jüngsten Äußerungen des ehemaligen Sportvorstands sehe man sich gezwungen, Details richtigzustellen. Klar ist: Die erhoffte geräuschlose Trennung ist endgültig Geschichte – und der Imageschaden für alle Beteiligten bereits beträchtlich.