
Marc-André ter Stegen riss die Faust nach oben, schrie sich mit einem energischen „Vamos!“ selbst nach vorne – und klammerte den Ball fest an die Brust. Sekunden später war Schluss. Ein einziger Reflex hatte gerade entschieden, dass der FC Girona nicht als Verlierer vom Platz ging. Stattdessen stand ein 1:1 auf der Anzeigetafel – und ein Torhüter im Mittelpunkt, der seine persönliche Neustart-Geschichte kaum besser hätte schreiben können.
Spanische Medien überschlugen sich. Von einer „überragenden Rettungstat“ war die Rede, manche schrieben sogar von einem „Wunder in der Nachspielzeit“. Fakt ist: Ter Stegen bewahrte Girona mit einer spektakulären Knieparade in der 96. Minute vor der Niederlage gegen den abstiegsbedrohten FC Getafe. Ein Moment, der mehr war als nur ein gehaltener Ball – es war ein Statement.
Spontanes Vertrauen, sofort geliefert
Erst rund vier Tage zuvor war der Wechsel vom FC Barcelona nach Girona perfekt geworden. Trainer Míchel zögerte trotzdem keine Sekunde und stellte den 33-Jährigen direkt in die Startelf. Ein Vertrauensvorschuss, der sich auszahlen sollte.
„Er hat ein starkes erstes Spiel für uns gemacht“, erklärte der Coach später. Ter Stegen sei technisch außergewöhnlich, könne mit beiden Füßen eröffnen und verstehe das Spiel wie kaum ein anderer Keeper. Vor allem aber habe er im Training sofort gezeigt, dass er bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. Für Míchel steht fest: So ein Profil gibt es nur selten – und Girona profitiert enorm davon.
Für ter Stegen selbst war es das erste Ligaspiel seit dem 18. Mai 2025. Nach seinem Patellasehnenriss und der schwierigen Phase unter Hansi Flick in Barcelona, wo er seinen Stammplatz verlor, ist der Wechsel nach Katalonien vor allem eines: eine neue Chance. Mehr Spielzeit, mehr Sichtbarkeit – und im Hinterkopf die Hoffnung auf ein WM-Ticket für 2026.
Ein Spiel mit spätem Drehbuch
Lange Zeit verlief der Abend im Estadi Montilivi unspektakulär für den deutschen Nationaltorhüter. Girona hatte viel Ballbesitz, tat sich gegen tief stehende Gäste aber schwer. Die beste Chance der ersten Hälfte hatte Thomas Lemar, dessen Distanzschuss an die Latte klatschte.
Ter Stegen selbst erlebte bis zur 59. Minute einen ruhigen Arbeitstag – bis Getafe mit dem ersten Schuss auf sein Tor in Führung ging. Luis Vázquez verwertete eine scharfe Hereingabe aus kurzer Distanz, für den Keeper war nichts zu halten.
Girona rannte danach an, spielte geduldig, aber lange ohne Durchschlagskraft. Erst in der 94. Minute platzte der Knoten: Vitor Reis köpfte nach einer weit gezogenen Flanke zum verdienten Ausgleich ein. Das Stadion tobte – doch das letzte Kapitel gehörte noch einmal dem Neuzugang im Tor.
Die Parade als echtes Ausrufezeichen
Quasi mit dem Schlusspfiff kam Getafe noch einmal zum Abschluss. Sebastián Boselli zog aus kurzer Distanz ab, der Ball raste Richtung Tor – doch ter Stegen reagierte blitzschnell. Er riss das rechte Knie nach unten, blockte den Schuss im Handball-Stil und sicherte den Punkt.
„Diese Parade war für uns Gold wert“, hieß es auf Gironas Vereinskanälen. Auch in den Zeitungen wurde er als prägende Figur des Spiels gefeiert. Dabei war es nicht nur diese eine Szene, die überzeugte. Seine Ruhe am Ball, sein Stellungsspiel und seine Präsenz gaben der Defensive sofort Stabilität.
Girona bleibt im Tabellenmittelfeld
Nach dem Abpfiff bedankte sich ter Stegen bei den Fans für die Unterstützung und betonte, wie wichtig Mentalität und Zusammenhalt gewesen seien. Man sei dem eigenen Stil treu geblieben und habe bis zum Ende daran geglaubt.
Für Girona bedeutet das Remis Tabellenplatz zehn – komfortabel ist das Polster nach unten allerdings nicht. Für ter Stegen hingegen war dieser Abend vor allem eines: ein emotionaler Befreiungsschlag. Ein spätes Knie, ein gehaltener Punkt – und vielleicht der erste große Schritt Richtung WM-Bühne.