Tunesiens Fußball am Abgrund: Eine schonungslose Abrechnung nach dem Afrika-Cup

Armin Schwarz | am:

Das enttäuschende Abschneiden beim Afrika-Cup in Marokko war kein Ausrutscher, sondern die logische Konsequenz eines jahrelangen Niedergangs. Der tunesische Fußball steckt in einer tiefen Systemkrise: Marode Stadien, Schuldenberge und eine Führung ohne Vision lassen das einst stolze Fußballland ausbluten.

Von Armin Schwartz | 16.01.2026 – 08:47 Uhr

Die Analyse in Kürze

  • Der Auslöser: Schwache Ergebnisse beim Afrika-Cup legen strukturelle Defizite offen.
  • Das Management: Trainer-Entlassungen im Akkord und fehlende Langzeit-Strategien.
  • Die Finanzen: Eine gigantische Kluft zwischen 3-4 Top-Klubs und dem verarmten Rest.
  • Die Infrastruktur: Fehlendes Flutlicht verhindert Abendspiele und tötet die Atmosphäre.

Mehr als nur eine Formkrise

Wenn sich der Staub nach einem großen Turnier legt, beginnt normalerweise die Aufarbeitung der sportlichen Fehler. Doch im Fall von Tunesien reicht das nicht. Die Ergebnisse beim Afrika-Cup waren weder überraschend noch ein Unfall – sie waren das Symptom einer Krankheit, die den nationalen Fußball von innen auffrisst.

Es geht nicht um eine wackelige Viererkette oder vergebene Torchancen. Es geht um ein Fußball-Ökosystem, das in seinen Grundfesten erschüttert ist.

Chaos in der Teppichetage: Die „Drehtür-Taktik“

Im Zentrum der Krise steht ein Führungsvakuum. Tunesische Vereine werden oft geführt wie ein Kartenhaus im Sturm. Transparenz ist ein Fremdwort, langfristige Planung eine Illusion.

Das sichtbarste Zeichen dieses Missmanagements ist der verschleißende Umgang mit dem Personal. Trainer werden oft mitten in der Saison entlassen, sobald der kurzfristige Erfolg ausbleibt. Diese „Drehtür-Politik“ auf der Trainerbank verhindert jegliche Entwicklung einer sportlichen Identität. Der Druck nach sofortigen Ergebnissen erstickt jede strategische Entwicklung im Keim.

Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft am finanziellen Limit

Noch dramatischer ist die wirtschaftliche Lage. Ein Großteil der Liga ertrinkt in Schulden und hängt am Tropf staatlicher Zuschüsse.

Dabei hat sich ein gefährlicher Canyon aufgetan: Auf der einen Seite stehen drei oder vier Top-Vereine mit Einfluss und Geld, auf der anderen Seite der Rest, der ums nackte Überleben kämpft. Das Resultat ist ein vorhersehbarer Wettbewerb, der Fans langweilt und Sponsoren abschreckt. Sicherheitsbedenken, die immer wieder zu Zuschauer-Ausschlüssen führen, verschärfen die finanzielle Notlage zusätzlich.

Die kaputte Talent-Pipeline und dunkle Stadien

Wo sind die neuen Stars? Früher waren die lokalen Ligen und Bezirksduelle die Schmiede für Rohdiamanten. Diese Basis ist weggebrochen. Es fehlen strukturierte Akademien und moderne Trainingszentren. Wer heute in Tunesien ein Talent findet, hat meist Glück gehabt – System steckt selten dahinter.

Dazu kommt eine Infrastruktur, die nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Es klingt banal, ist aber verheerend: Vielen Stadien fehlt schlichtweg funktionierendes Flutlicht.

  • Die Folge: Spiele müssen in der Nachmittagshitze angepfiffen werden, wenn Fans arbeiten oder in der Schule sind.
  • Der Schaden: Ohne die magische Atmosphäre von Flutlichtspielen am Abend bleiben die Ränge leer, die Einnahmen aus Ticketverkauf und Catering brechen weg, und die TV-Bilder wirken trostlos.

Fazit: Vertrauen muss neu aufgebaut werden

Veraltete Anlagen, fragwürdige Schiedsrichterleistungen und die ständige finanzielle Unsicherheit haben zu einer toxischen Stimmung geführt. Das größte Opfer dieser Krise ist das Vertrauen der Fans. Um den tunesischen Fußball zu retten, reicht kein neuer Nationaltrainer. Es braucht einen kompletten Neustart – von der Jugendförderung bis zur Stadionlampe.

Armin Schwarz Armin Schwarz ist Chef-Analyst bei Sportwetten24.com. Seit 2012 ist er als Experte in der Sportwetten-Branche tätig und spezialisiert auf mathematische Quoten-Analysen und Value-Bets. Sein Fokus liegt auf der Identifizierung von Marktanomalien und objektiven Buchmacher-Tests. mehr lesen