Hooliganism im deutschen Fußball ist kein Randphänomen aus vergangenen Jahrzehnten. Er ist eine gesellschaftliche Realität, die Polizei, Vereine und Fanverbände bis heute beschäftigt – und die sich in Form, Methoden und Strukturen immer wieder verändert. Wer über Fußball in Deutschland spricht, muss über diese Szene sprechen: sachlich, informiert und ohne Romantisierung.
Dieser Artikel erklärt, wie die Behörden Problemfans kategorisieren, welche Vereine in den Statistiken auffallen und warum die Grenze zwischen Ultras und Hooligans oft missverstanden wird.
Wichtige Vorbemerkung: Hooligans ≠ Ultras
Der häufigste Fehler in der öffentlichen Debatte: Hooligans und Ultras werden gleichgesetzt. Das ist falsch und schadet dem Verständnis beider Gruppen.
Ultras sind leidenschaftliche Fans, die aktiv Choreografien organisieren, ihre Mannschaft lautstark unterstützen und oft eine politische Haltung vertreten – meistens gegen Kommerzialisierung im Fußball. Gewalt ist für die meisten Ultra-Gruppen kein Selbstzweck.
Hooligans suchen gezielt die Konfrontation – mit rivalisierenden Fangruppen oder der Polizei. Das Spiel selbst ist für klassische Hooligans oft zweitrangig. Verabredete Schlägereien („Fights“) abseits der Stadien, oft ohne Bezug zum sportlichen Geschehen, sind das Kernmerkmal.
Es gibt Überschneidungen. Aber beide über einen Kamm zu scheren, ist analytisch falsch.
Das Kategoriensystem der Polizei: A, B, C
Die deutschen Sicherheitsbehörden kategorisieren Fans, die im Umfeld von Fußballspielen auffallen, in drei Gruppen:
- Kategorie A: Friedliche Fans ohne polizeiliche Auffälligkeit. Die große Mehrheit aller Stadionbesucher.
- Kategorie B: Gewaltbereite Fans. Sie können in Konfliktsituationen Gewalt einsetzen, suchen sie aber nicht aktiv. Diese Gruppe ist quantitativ die größte Problemgruppe.
- Kategorie C: Gewaltsuchende Fans. Sie planen und suchen aktiv den Konflikt – das sind die klassischen Hooligans im engeren Sinne.
Laut Schätzungen der Sicherheitsbehörden gibt es bundesweit rund 4.000 Kategorie-B-Fans und 1.300 Kategorie-C-Fans – bei insgesamt Millionen Stadionbesuchern pro Saison. Der Anteil ist also klein, aber die Konsequenzen können erheblich sein.
Die Vereine mit den größten Problemfanszenen
Folgende Einordnung basiert auf veröffentlichten Polizeiberichten, Presseberichten und wissenschaftlichen Analysen zur Fangewalt in Deutschland. Sie ist keine Glorifizierung, sondern eine faktische Bestandsaufnahme.
1. Borussia Dortmund
BVB hat historisch eine der größten und laut Polizeistatistiken eine der aktivsten Problemfanszenen in Deutschland. Berichte aus NRW-Polizeikreisen nennen Dortmund regelmäßig als Verein mit hoher Kategorie-B-/C-Zahl. Die „Borussenfront“ war in den 1980ern eine der berüchtigtsten rechtsextremen Hooligangruppen Deutschlands – offiziell aufgelöst, aber Teile der Szene bestehen in veränderter Form fort. Die aktuelle BVB-Fanszene ist heterogen: Ultra-Gruppen wie „The Unity“ distanzieren sich klar von Hooliganismus, während es am Rand der Szene weiterhin gewaltbereite Gruppen gibt.
2. FC Schalke 04
In der Gesamtbilanz aus Kategorie B und C gehört Schalke 04 laut NRW-Polizeistatistiken zu den auffälligsten Vereinen. Das Ruhrderby (Schalke gegen BVB) gilt als eines der brisantesten Derbys Europas – nicht nur atmosphärisch, sondern auch sicherheitstechnisch. Die Fanszene ist groß, leidenschaftlich und in Teilen stark organisiert. Mit dem Abstieg in die 2. Bundesliga und dem anschließenden Wiederaufstieg veränderte sich die Szene strukturell, ohne das Grundproblem zu lösen.
3. Dynamo Dresden
Dresden ist seit Jahrzehnten der Prototyp des ostdeutschen Problemvereins im Sicherheitskontext. Die Fanszene ist bekannt für hohe Mobilisierungsfähigkeit – auch bei Auswärtsspielen, auch in unteren Ligen. Der Begriff „Hooligan-Tourismus“ wurde im deutschen Fußball zuerst im Zusammenhang mit Dresdens Aufstiegsspiel bekannt: Aus dem gesamten Osten Deutschlands reisten gewaltbereite Fans eigens für die erwarteten Auseinandersetzungen an. Die Verbindung zwischen rechtsextremen Netzwerken und Teilen der Dresdner Fanszene ist dokumentiert und Gegenstand anhaltender behördlicher Aufmerksamkeit.
4. Hansa Rostock
Rostock hat eine der bekanntesten Problemfanszenen Deutschlands – gemessen an der Vereinsgröße und Ligaklasse überproportional präsent in Polizeistatistiken. Die Nähe zwischen rechtsextremem Milieu und Teilen der Rostocker Fanszene ist historisch belegt und aktuell weiterhin relevant. Auswärtsauftritte der Rostocker Szene sind für Sicherheitsbehörden regelmäßig aufwendig zu begleiten.
5. Hamburger SV
HSV hat eine große, heterogene Fanszene. Die Ultra-Gruppen „Chosen Few“ und andere sind teils tief in der lokalen Fankultur verwurzelt. Gleichzeitig gibt es Überschneidungen mit Milieus, die Sicherheitsbehörden als problematisch einordnen. Das Nordderby (HSV gegen Werder Bremen oder St. Pauli) ist traditionell sicherheitsrelevant. Mit dem Aufstieg in die Bundesliga 2025/26 wächst auch die Intensität der Konfrontationen – intern wie extern.
6. FC St. Pauli
Eine Sonderposition: St. Pauli hat eine der politisch klar positionierten linken Fan- und Ultra-Szenen Deutschlands. Gewalt gegen Polizei oder rivalisierende Gruppen kommt vor – aber der Kontext ist anders als bei rechtsaffinen Szenen. Der Millerntor-Stadionblock gilt als eines der politisch aktivsten Fanareale Europas. In Polizeistatistiken taucht St. Pauli auf, die Ursachen der Konflikte unterscheiden sich jedoch strukturell von anderen Vereinen auf dieser Liste.
7. Eintracht Frankfurt
Frankfurts BAF (Bundesadler Frankfurt) war in den 1990er Jahren eine der organisiertesten Hooligan-Gruppen Deutschlands. Die aktuelle Szene ist vielschichtiger. Ultra-Gruppen wie „Ultras Frankfurt 1997“ dominieren heute die Kurve und sind nicht mit der alten Hooligan-Tradition identisch. Trotzdem gab es in den letzten Jahren immer wieder Zwischenfälle – zuletzt rund um Europa-League-Auftritte, bei denen Frankfurter Fans in internationale Schlagzeilen gerieten. Die Mobilisierungsfähigkeit der Frankfurter Szene ist bundesweit einzigartig.
8. Hannover 96
Hannover hat eine Fanszene, die in Polizeistatistiken regelmäßig auftaucht – besonders in Phasen, in denen der Verein zwischen Bundesliga und 2. Liga pendelt. Die Rivalität zu Eintracht Braunschweig (das „Niedersachsenderby“) produziert regelmäßig Sicherheitseinsätze. Hannover ist ein Beispiel dafür, wie regionale Rivalitäten Hooligan-Strukturen stärken und aufrechterhalten können, unabhängig von Liga und Vereinsstruktur.
9. Alemannia Aachen
Aachen ist ein interessanter Fall: Der Verein spielt seit Jahren unterhalb der zweiten Liga, die Hooligan-Szene (historisch: „Karlsbande“) gehörte in ihrer aktivsten Phase jedoch zu den bekanntesten in Deutschland. Aachen steht exemplarisch für ein Phänomen, das Sicherheitsforscher gut kennen: Hooligan-Szenen lösen sich nicht auf, wenn ein Verein absteigt – sie verlagern sich, suchen neue Ausdrucksformen oder überleben in informellen Netzwerken.
10. 1. FC Kaiserslautern
Der FCK hat eine große, emotionale und in Teilen volatilen Fanszene – besonders in Zeiten sportlicher Krise oder bei Aufstiegen. Die Fähigkeit, auch in der 3. Liga Tausende Fans zu mobilisieren, ist Stärke und Risikofaktor zugleich. FCK-Fans in Auswärtsspielen sind bekannt für Lautstärke und Präsenz – gelegentlich eskaliert das in Konfrontationen, die über das hinausgehen, was Verein und Ultra-Gruppen offiziell vertreten.
Warum „Rangliste“ das falsche Konzept ist
Eine fixe Rangliste der „schlimmsten“ Hooligan-Vereine ist aus mehreren Gründen problematisch:
Fanszenen verändern sich. Vereine, die vor zwanzig Jahren als hochgefährlich galten, haben heute ruhige Kurven – und umgekehrt. Polizeiliche Aufmerksamkeit wirkt. Gezielte Prävention, Dialog und Sanktionen haben messbare Effekte. Ligaklasse spielt eine Rolle. In der 3. Liga können Problemszenen stärker sichtbar werden als in der Bundesliga, einfach weil Polizeipräsenz und Medienaufmerksamkeit geringer sind. Zahlen lügen nicht, aber sie kontextualisieren sich nicht selbst. Die absolute Zahl von Kategorie-C-Fans sagt wenig ohne Relation zur Gesamtgröße der Fanszene.
Was bleibt: Das Phänomen ist real, es hat klare geografische und strukturelle Schwerpunkte, und es verändert sich kontinuierlich. Wer es verstehen will, muss es differenziert betrachten.
Was Vereine und Behörden heute dagegen tun
Das Konzept der „szenekundigen Beamten“ (SKB) hat sich als effektivstes Mittel der Prävention erwiesen: Polizisten, die spezifisch für eine Fanszene ausgebildet sind, bauen langfristige Kenntnisse auf und können Eskalationen früh erkennen. Viele Bundesligavereine investieren in Fan-Sozialarbeit und Dialog mit Ultra-Gruppen – mit dem Ziel, die Trennung zwischen aktiver Fankultur und Hooliganismus zu schärfen.
Die Zahlen der gewaltbereiten Fans sind seit 2013 leicht rückläufig – ein positiver Trend, der aber fragil ist. Große Events (WM, EM, Aufstiege) können kurzfristig als Katalysatoren wirken.
Autor: René Müller | Sportwetten24.com Magazin
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